2014 Das Baltikum2014 Das Baltikum

2014 Das Baltikum

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Im deutschen Sprachgebrauch fasst man gern die drei Staaten Estland, Lettland und Litauen unter dem Begriff „Baltikum“ zusammen. Wenngleich sich diese Länder selbst als völlig unabhängig voneinander sehen und nicht näher zueinander stehen als Deutschland zu Polen oder den Niederlanden. Diese nordöstliche Region Europas hat mich schon lange gereizt und so war ich froh, dass ich Fritz zu dieser Reise überzeugen konnte. Obwohl er ein wenig Sorge wegen des Wetters hatte. Er sollte recht behalten. Die Bevölkerungsdichte in dieser Region ist nicht sehr hoch, was dazu führte, dass wir über lange Strecken weder ein Dorf noch auch nur einen einzigen Hof passierten. Ortschaften, die auf unserer Straßenkarte als solche eingezeichnet waren, bestanden oftmals lediglich aus einer Bushaltestelle am Anfang und am Ende einer Reihe von drei, vier Häusern.


Unsere Route

Unsere Route

In 28 Tagen radeln wir eine Gesamtstrecke von 2.554 km, was einem Tagesdurchschnitt von 91 km entspricht. Die Route beginnt in Lettland und geht im Uhrzeigersinn nach Estland – Lettland- Litauen und zurück nach Lettland. Wir haben wieder unser Santana-Visa Tandem mit dem Bob Yak Einspurhänger dabei. Zur Ausrüstung gehören auch das Exped Mira III Kuppelzelt und unser recht betagter Trangia Kocher. Alles wird in Ortlieb und Vaude Fahrradtaschen verstaut. Von Travemünde in Deutschland geht es mit der Fähre nach Ventspils in Lettland. Die Überfahrt dauert ca. 23 Stunden. Wir fahren dann an der Küste entlang Richtung Norden. In Estland machen wir einen Abstecher auf die Inseln Saarema und Hiumaa, bevor wir über Tallin zum Peipussee an der russischen Grenze fahren. Von dort geht es nach Süden in den Osten Lettlands. Aufgrund einer schweren Panne mit dem Rad müssen wir von Rezekne bis nach Vilnius ca. 200 km mit dem Auto überbrücken. Dann geht es an der Memel entlang zur Kurischen Nehrung zurück nach Ventspils, wo wir die Fähre zurück nach Deutschland nehmen.


Wenn es in Lettland regnet...Wenn es in Lettland regnet...

Wenn es in Lettland regnet...

… dann campen wir halt unterm Dach (Bild 2)! Immer wieder müssen wir gegen kalten Regen ankämpfen. In Cesis breiten wir unsere Sachen kurzerhand in einem Café aus, doch bevor sie richtig trocken sind, müssen wir auch schon weiter. Auf einem verlassenen Campingplatz finden wir eine riesige überdachte Bühne. Die Balten sind begeisterte Sänger, überall finden Sängerfestivals auf Bühnen wie dieser statt. Und da das Wetter wechselhaft bleibt, schlagen wir unser Zelt halt auf einer solchen Bühne auf. Nette Nachbarn des Campingplatzes versorgen uns mit einem großen Kanister Trinkwasser. Das Wasser erhitzen wir mit unserem Kocher und können so mitten auf der Bühne eine schöne Dusche genießen. Fehlt nur noch das Publikum. Obschon uns wahrscheinlich niemand beim Duschen zusschauen will…


Estonia / über Muhu zur Insel SaremaaEstonia / über Muhu zur Insel Saremaa

Estonia / über Muhu zur Insel Saremaa

Die Lanschaft hier ist weitgehend flach. Obwohl wir nah am Meer entlang radeln, können wir es selten sehen. Zwischen dem Wasser und der Straße stehen fast durchgehen Fichten- und Kiefernwälder. Auf schnurgeraden Straßen mit wenig Abwechslung fahren wir dahin. Ab und zu gönnen wir uns einen kleinen Abstecher über die gepflegten Holzstege zum Meer. Meilenweite Strände, menschenleer. Leider lädt das Wetter nicht zum Bad ein. 10° Lufttemperatur ist einfach zu kalt für uns.


Die Hauptstädte Riga, Tallinn und VilniusDie Hauptstädte Riga, Tallinn und Vilnius

Die Hauptstädte Riga, Tallinn und Vilnius

Die drei Hauptstädte Riga (Lettland), Tallinn (Estland) und Vilnius (Litauen) scheinen um den Titel „Wer ist die Schönste im ganzen Land?“ zu wetteifern. Unser Favorit heißt Tallinn. Vielleicht liegt es einfach nur daran, dass uns diese Stadt mit warmen Sonnenschein empfängt, oder weil sich unser Warmshowers-Gastgeber Sten als herzlicher und kompetenter Stadtführer erweist. Wie dem auch sei, keine dieser drei Städte sollte man verpassen. Auch von Tartu, der Universitätsstadt im Osten Estlands sind wir angetan. Die aufwendig restaurierte Altstadt glänzt im Sonnenschein und lädt dich ein, noch ein wenig zu verweilen.


Estland / Anna's Café am PeipusseeEstland / Anna's Café am Peipussee

Estland / Anna's Café am Peipussee

  • Aus dem Norden Estlands kommend fahren wir am Peipussee entlang Richtung Süden. Hier, nahe der russischen Grenze, die mitten durch den See führt,ist der russische Einfluß unverkennbar. In den kleinen russischen Dörfern scheinen die Menschen irgendwie vergessen worden zu sein. Es sind die Alten, die übriggeblieben sind. Wahrscheinlich sind die Jüngeren weggegangen, da es hier keine Arbeit gibt.
  • Bevor wir den Peipussee erreichen, besuchen wir noch drei der zahlreichen ehemaligen gigantischen Güter des Landes. Mehr schaffen wir mit dem Rad nicht. Während die Güter Palmse und Sagadi liebevoll restauriert und zu besichtigen sind, verfallen andere zunehmend, wie das Gut Kolga (Bild 2).

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    Estland / Warmshowers nahe Otepää

    Estland / Warmshowers nahe Otepää

    Sigrit und Helgurd, ein Paar aus Tartu überlässt uns den Garten ihrer Datcha nahe Otepää. Leider konnten sie nicht auch dort sein. Doch Sigrit hatte uns schon ein Feuer vorbereitet und einen großen Kessel mit Wasser erhitzt. Wir kochen erst einmal einen kräftigen Eintopf. Wäre es trocken geblieben, wir hätten einen Ruhetag an diesem idyllischen Ort eingelegt. Aber es fängt wieder an zu regnen.


    Schlammpiste zwischen Estland und Lettland

    Schlammpiste zwischen Estland und Lettland

    Straßenbauarbeiten sieht man hier häufig. Und wir sind die Opfer. Des öfteren müssen wir uns über Schotterpisten mit anspruchsvollen Steigungen quälen. Doch selten ist es so schlecht, wie auf diesem Bild. Über mehr als 15 km ist die Straße eine einzige Schlammpiste. In derartigen Situationen fragst du dich, ob das Rad wirklich ein geeignetes Verkehrsmittel ist. Wir fragen an einem Haus wo wir die nächste Unterkunft finden. Anstatt uns den Weg in die nächste Stadt zu weisen, lädt uns die Familie ein, die Nacht in ihrem Haus zu verbringen. Einziger Preis, den wir zu zahlen haben, ist reichlich Riga-Balsam, einen Kräuterlikör, trinken zu müssen und auf die Völkerverständigung anzustoßen. Dabei müssen wir alles über unsere Reise erzählen.


    Litauen / VilniusLitauen / Vilnius

    Litauen / Vilnius

    Wir haben gerade Rezekne in Lettland hinter uns gelassen, da reißen uns drei Speichen inklusive Flansch an der Hinterradnabe aus. Das können wir nicht reparieren. Fritz schmeißt sich vor einen zufällig vorbeikommenden deutschen Bulli mit einem Studentenpärchen. Felix und Christine sind auf einer 12-monatigen Europatour. Sie nehmen uns mit nach Vilnius, 200 km entfernt. Doch auch dort finden wir keine neue Nabe für unser Rad. Und so haken wir einfach die Speichen ineinander, um ihnen Halt zu geben. Wir trauen dieser Konstruktion nicht so recht, wenn auch unser Tandemhändler in Deutschland versichert, dass es funktioniert. Doch die Speichen werden in den nächsten Tagen immer wieder reißen. Fritz ist mittlerweile so routiniert in der Reparatur, dass er nicht einmal mehr das Rad ausbauen muss, um neue Speichen einzuziehen. In Klaipeda schließlich, ergattern wir ein neues Hinterrad. Es hält einige Kilometer bevor die Felge anfängt zu eiern. Für ein vollbeladenes Tandem mit Hänger brauchst du halt stabilies Material.


    Litauen / Sonnenuntergang an der MemelLitauen / Sonnenuntergang an der Memel

    Litauen / Sonnenuntergang an der Memel

    An der Memelmündung müssen wir die Fähre auf die Kurische Nehrung nehmen. Es ist allerdings keine in Sicht. Wir fragen ein wenig herum, aber einige Leute hier glauben, dass sie uns doofe Touristen über den Tisch ziehen könnten. Es werden Preise von 100 Euro und mehr aufgerufen. Wir radeln einfach weiter zu einem kleinen Hafen, von wo es am nächsten Tag eine Fähre (Bild 2) hinüber zu Nehrung gibt. Für 18 Euro, inklusive Rad. Und wir dürfen sogar unser Zelt auf dem Rasen der kleinen Marina aufschlagen. Der Schlauch am Bootsanleger dient als Dusche. Der Abend is lau, so genießen wir einen romantischen Sonnenuntergang mit Gesang des Schilfrohrsängers.


    Litauen / Kurische Nehrung

    Litauen / Kurische Nehrung

  • Die Kurische Nehrung ist eine gigantische Düne, die von beiden Seiten von Wasser umschlossen ist. Weißer Sandstrand soweit das Auge reicht. Obwohl wir uns mitten in der Hochsaison befinden und das Wetter nicht schöner sein könnte, entdecken wir nur verstreut einige Sonnenhungrige am Strand. Die Ostsee schimmert in den Farben hellgrün bis dunkelblau. So muss das Meer sein, wenn du Badeurlaub machst.
  • Die Polizei zwingt uns, mit unserem kranken Rad die buckligen Radwege zu fahren. Die Straße ist hier nur für KFZ. Die Ordnungshüter sind hier ein wenig pingelig. In den vergangenen Wochen sind wir gelegentlich sogar auf der Autobahn gefahren, ohne dass sich jemand daran gestört hätte. Hier in der touristischen Gegend scheint allerdings alles streng nach Vorschrift zu laufen.


    Provisiorium. . .Provisiorium. . .

    Provisiorium. . .

    Vier Wochen sind wir nun durch die drei baltischen Staaten geradelt. Offensichtlich haben wir den schlechtesten Sommer seit Ewigkeiten erwischt. Mitunter war es eiskalt und windig. Nur die letzte Woche war warm und sonnig, was wir als kleine Entschädigung ansehen. Ich habe auf der Tour häufig davon geträumt, dass Jemand anhält und mich nach Hause bringt. Aber heute, im Rückblick, möchte ich keinen einzigen Tag dieser Reise missen. Die Balten (verzeiht, dass ich euch dieses eine Mal alle in einen Topf werfe) sind großartig und begeisterte Europäer. Die Jüngeren unter ihnen sprechen perfekt Englisch. In noch so kleinen Orten findet man eine öffentliche Bibliothek und es gibt fast überall freien Internetzugang (Bild 2). Nur im äußersten Osten am Peipussee ist der russische Einfluß noch groß. In allen anderen Gegenden sind die Menschen eindeutig in Richtung Westen orientiert. Jedes dieser drei Länder legt Wert auf seine eigene Sprache und Kultur. Aufgrund der flachen Topografie haben wir wenig landschaftliche Highlights wie in den Bergen gefunden. Es sind die Begegnungen mit den Menschen, die diese Reise unvergeßlich für uns machen.