Zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen MeerZwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer

Zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer


  • Unsere Route

  • Wenn Du mit der Maus über die Fotos gehst, findest du in manchen Fällen ein zweites Foto
  • Der Kaukasus – Sicher umfasst dieser Begriff weit mehr, als wir in unserer sechswöchigen Rundtour mit dem Tandem abfahren können. Wir besuchen die Länder Georgien, Aserbaidschan und Armenien, und stellen dabei fest, dass die Länder und auch die Menschen unterschiedlicher sind, als wir das geahnt hätten.
    Wir fliegen bequem per Direktflug von Dortmund nach Kutaisi, im Westen Georgiens. Über die Hauptstadt Tbilisi geht es dann die Georgische Heerestrasse hinauf in den Norden bis kurz vor die russische Grenze und teilweise zurück. Dann führt der Weg durch Kachetien nach Aserbaidschan bis zur Hauptstadt Baku am Kaspischen Meer. Einen Teil der Strecke zurück nach Georgien überbrücken wir mit dem Zug. Da die verfeindeten Länder Aserbaidschan und Armenien keine offenen Grenzen haben, müssen wir einen kleinen Schlenker durch Georgien fahren, bevor wir nach Armenien einreisen können. Am Sevan See entlang radeln wir Richtung Süden in einem großen Bogen nach Jerevan. Von dort führt die Route in nordwestliche Richtung zurück nach Georgien. Bevor wir den Rückflug von Kutaisi antreten, bleiben uns noch ein paar Tage, um durch Svanetien bis nach Mestia hinauf zu fahren.

    Von Kutaisi nach TbilisiVon Kutaisi nach Tbilisi

    Von Kutaisi nach Tbilisi

    Die erste Nacht verbringen wir in Kutaisi in einem Hostel, wo wir auch nach einigem Verhandeln unser Packmaterial für den Rückflug lagern dürfen. Ab jetzt sind wir auf Tour.
    Enge Gassen führen uns strapaziös hinauf zur Bagrati Kathedrale am Rande der Stadt. Dort versuchen die Souvenierhändler Fritz‘ wertvolles Messer gegen einen ihrer billigen Dolche zu tauschen. Wir fallen nicht darauf herein, obwohl die schicken Herren sehr freundlich sind.
    Im kleinen Dorf Urbnisi finden wir einen etwas unkonventionellen Platz unter dem Vordach der örtlichen Schule. Er schützt uns gegen den Regen und trocknet das von letzter Nacht noch nasse Zelt. Der Dorfpolizist kommt eilends herbei, gibt uns seine Handy-Nummer mit dem Hinweis, ihn bitte sofort anzurufen, falls wir Probleme hätten. Auch in der Nacht zuvor sind wir bereits von der Polizei in ähnlicher Weise angesprochen worden. Und da sag noch einer der Osten sei gefährlich!

    Tbilisi und die Georgische HeeresstrasseTbilisi und die Georgische Heeresstrasse

    Tbilisi und die Georgische Heeresstrasse

    In Tbilisi ereilt Fritz eine Magen-und Darminfektion, die ihn nicht aus dem Haus kommen lässt. Zum Glück haben wir Gastgeber, die uns eine leerstehende Wohnung zur Verfügung stellen. Mit einem Tag Verzögerung und sichtlich geschwächt, machen wir uns auf den Weg in den Norden. Wir wollen die Georgische Heeresstrasse bis kurz vor die russische Grenze hinauffahren. Am Zhinvali-Stausee glänzt das Kloster Anauri vor dunkelgrünen Hängen in der Sonne. Wir werden es noch einmal sehen können, denn bis hierher müssen wir die Heeresstrasse auf gleichem Weg zurückfahren, bevor wir nach Osten abbiegen können. Die erste Nacht auf der Route verbringen wir bei Mariami, einer alten Dame, die uns am Rande eines kleinen Dorfes einen Platz zum Zelten bietet. Wir baden im Fluß und beobachten beim Abendessen die Bauern, die ihr Vieh nach Hause treiben. Für uns eine Idylle, für die hier lebenden Menschen sicher nicht leicht.
    Doch zunächst geht es weiter in den Norden. Und es wird zunehmend steiler. Während der Reiseführer von einer kaum befahrenen Straße spricht, sieht die Realität anders aus. Viele LKW aus Armenien oder dem Iran nutzen mittlerweile diese Strecke als Transit nach Russland.

    Der hohe KaukasusDer hohe Kaukasus

    Der hohe Kaukasus

    In Gudauri, einem georgischen Skiort, lassen wir unser Gepäck im Hotel und fahren am nächsten Tag über den Jvari-Pass die letzten Kilometer bis nach Stepantsminda. Vorher genießen wir jedoch noch das abendliche Bergpanorama bei Gudauri. Es ist nicht besonders warm, aber immerhin regnet es nicht und die Sonne blinzelt auch ab und zu zwischen den Wolken hindurch. Was für eine grandiose Bergwelt.
    Der Kasbek ist mit 5047 m Georgiens dritthöchster Berg beliebt bei Bergsteigern. Wir klettern nicht hinauf, sondern beschränken uns auf seine Besichtigung von Stepantsminda aus. Man sagt, dass der Berg nur guten Menschen seinen Gipfel zeigt. Für uns schiebt er die Wolken für kurze Zeit beiseite und erlaubt uns, seine ganze Pracht zu bewundern. Glück gehabt.
    Ganz beseelt von den fantastischen Panoramen des hohen Kaukasus lassen wir uns zurück nach Gudauri gleiten. Oft stoppen wir, um Fotos zu schießen oder wir fangen mit unserer ActionCam bewegte Bilder ein. Dass wir diese dann irgendwo nicht wieder einpacken, merken wir erst als es zu spät ist. Unsere GoPro und mit ihr die bis dahin gedrehten Filmchen bleiben auf immer im Kaukasus verschollen.

    Nach Osten durch KachetienNach Osten durch Kachetien

    Nach Osten durch Kachetien

    Der Weg nach Kachetien, dem georgischen Weinanbaugebiet, beschert uns erst einmal einen Tag übelste Schotterpiste, die serpentinenartig durch dichtes, hügeliges Waldgelände führt. Wir lernen, dass wir hier nur die auf der Landkarte eingezeichneten größeren Straßen fahren sollten. Denn fast alle als Nebenstraßen gekennzeichnete Routen sind nicht asphaltiert. Für ein 100-KG-Tandem mit Besatzung eine Herausforderung.
    In Telawi, einer schmucken Stadt, angekommen, treffen wir zufällig auf Curt, einem Amerikaner, der in Deutschland nicht weit von unserem Wohnort studiert hat. Die Welt ist klein!
    Heute finden wir keinen Zeltplatz, aber ein Zimmer im Haus einer großen Familie wird für uns hergerichtet. Natürlich essen und trinken wir mit ihnen. Und wie es georgische Sitte ist, wird auf Alles und Jeden ein Trinkspruch ausgegeben. Gut, dass wir auch mit Fanta anstoßen dürfen. Weder unser Russich noch das Englisch unserer Gastgeber reichen aus, um eine flüssige Konversation aufrecht zu erhalten. Und so muss die Tochter des Hauses mittels Google Translate den Dolmetscher geben. Mühsam, aber es funktioniert.

    Über die Grenze nach AserbaidschanÜber die Grenze nach Aserbaidschan

    Über die Grenze nach Aserbaidschan

    Kaum haben wir die Grenze passiert, eröffnet sich uns eine völlig neue Welt. Die Einfallstraßen der Städte sind breit und gut geteert, dazu mit Laternen und Blumenkübeln eingerahmt. Allgegenwärtig prangen überlebensgroße Plakate mit dem ehemaligen Präsidenten, Heidar Alijew, am Straßenrand. Die Menschen sind aufgeschlossen und freundlich, winken uns vom Straßenrand zu. Bei einer ganz lieben Familie in einem kleinen Dorf finden wir unseren ersten Campingplatz im Land.
    Am nächsten Tag in Sucma kümmert sich das ganze Dorf um uns. Wir dürfen unser Zelt auf dem Schulgelände aufschlagen, obwohl es den Bewohnern peinlich ist, dass wir auf dem Boden schlafen müssen. Wir versichern ihnen, dass wir uns wohl im Zelt fühlen. Dafür schleppen sie Gemüse, noch warmes Brot und sogar einen Eimer und ein Stück Seife zum Waschen heran. Ein wenig wie im Zoo kommen wir uns schon vor: Ständig kommen neue Leute, um zu sehen, was diese merkwürdigen Fremden mit dem komischen Fahrrad so treiben. Als sich Fritz am nächsten Morgen um die Radpflege kümmert, schnappt sich der Haumeister der Schule kurzerhand seinen Hocker und schaut interessiert zu.

    Durch die Hitze nach BakuDurch die Hitze nach Baku

    Durch die Hitze nach Baku

    Es ist heiß! über 40° C Grad klettert das Thermometer. Das bringt uns oft an die Grenzen. Dazu kommt die unendlich scheinende Straße, die durch menschenleere an Mondlandschaft erinnernde Regionen führt. Bei jedem Stopp brennt die Hitze ohne Erbarmen, wir sind froh, wenn wir weiterfahren können, um wenigstens ein wenig Kühlung durch den Fahrtwind zu bekommen.
    Überall gibt es Teestuben, in denen sich die Männer zum Schwatz treffen. Frauen sieht man selten. So werden auch wir aus den Augenwinkeln beobachtet, zumal wir mit unseren engen Radlerhosen nicht gerade der Kleidernorm entsprechen. Wobei es kein Problem ist, dass auch Brigitte als Frau in kurzen Hosen fährt. Das jedenfalls versichert uns ein Einheimischer, der mit seinem Wagen angehalten hat, um uns mit Wasser und Bananen zu versorgen. In Agsu bezahlt ein Mann vom Nchbartisch gänzlich unvermittelt unseren Tee. Widerspruch zwecklos. Wir werden so etwas noch des Öfteren erleben.
    Baku, die Hauptstadt Aserbaidschans zeigt, dass hier die Petrodollars reichlich fließen. Neben der liebevoll reastaurierten Altstadt mit Moschee und Schirwanschahpalast prangen die modernen Flame Towers am Kaspischen Meer. Wir genießen zwei entspannte Tage ohne Radfahren.

    Rettung vor dem SandsturmRettung vor dem Sandsturm

    Rettung vor dem Sandsturm

    Als wir Baku gen Süden verlassen, freuen wir uns über den kräftigen Rückenwind, der uns aus der Stadt schiebt. Dass er uns noch zum Verhängnis werden wird, ahnen wir zunächst nicht. Doch schon bald bläst er kräftig von der Seite bis er so stark wird, dass wir nur noch zu Fuß weiterkommen. Dabei peitscht er den Wüstensand über die Straße, so dass wir uns kaum auf den Beinen halten können. Wir haben keine Ahnung, wie lange dieser Sturm anhalten wird und wie wir unser Ziel, das noch etwa 100 km entfernt liegt heute erreichen werden. Stehenbleiben bringt nichts, ein Ort ist nicht in Sicht, auch die Autofahrer sehen kaum die Straße vor sich. Ratlos kämpfen wir uns weiter durch den Sandsturm. Bis ein weißer Geländewagen am Straßenrand hält. Bill, kanadischer Manager einer Firma hier in der Nähe, rettet uns in seine Geschäftsräume. Er organisiert den Weitertransport per LKW und versorgt uns mit Essen und Trinken. Nebenbei erfahren wir von einer Mitarbeiterin, dass das heute lediglich Wind ist. Wie gut, dass wir nicht in einen richtigen Sturm geraten sind.
    Nachdem uns der LKW in Alät abgesetzt hat, lassen wir uns noch per PKW zu den Höhlenmalereien von Gobustan bringen. Der Wind hat sich gelegt. Trotz zu später Stunde, lässt man uns durch ein paar Manat noch hinein, so dass wir noch ein wenig die prähistorischen Bilder bestaunen können. Dann müssen wir zurück.

    Per Per

    Per "Orient-Express" nach Gäncä

    Der Nachtzug von Alät bringt uns nach Gäncä. Nicht nur der Kauf der Fahrkarte in Baku war schon ein Abenteuer auch das Verladen unserer schweren Ausrüstung in wenigen Minuten vom Gleisbett hinauf in den Zug, lässt das Adrenalin kräftig ansteigen. Wie gut, dass die Truppe von der Bahnhofspolizei unter ständigem „Dawei, Dawei!“ kräftig Hand anlegt. Der Zugbelgeiter bekommt fasst einen Herzinfarkt, als unser Tandem den Zugang zum Waggon versperrt. Wiederholt fordert er uns auf, das Rad zu zerlegen, was natürlich nicht geht. Als die Männer das Fahrrad am nächsten Stopp nach hinten in den Waggon verfrachten, entspannt sich die Mannschaft. Derweil werden wir in unserem VIP-Abteil mit Tee aus dem Bordsamowar sowie frischer Bettwäsche versorgt. Während Brigitte die Pritschen für die Nacht herrichtet, hält Fritz ein Schwätzchen mit einem Reisenden aus der Ukraine.
    Obwohl unsere Unterlagen bretthart sind und der Zug laut über die Gleise rumpelt, gelingt es uns, ein wenig Schlaf zu finden.

    Schlenker nach GädäbäSchlenker nach Gädäbä

    Schlenker nach Gädäbä

    Hinter Sämkir machen wir einen Schlenker gen Süden nach Gädäbä. Die Landschft soll sehr reizvoll sein, doch dichter Nebel lässt uns gerade noch die Straße erkennen. Im Nieselregen drehen wir die Pedalen, stellen uns dabei herrliche Ausblicke vor.
    Wieder kampieren wir an einer Schule. Wie praktisch, dass der Eingang überdacht ist, so dass wir wenigstens im Trockenen sitzen. Ein Jugendlicher aus dem Dorf versorgt uns mit seiner Handynummer für den Notfall.
    Hier in dieser recht armen Gegend scheint es nicht viel Abwechslung für die Leute zu geben. Wo immer wir auch nur kurz anhalten, sofort sind wir von einer Menschentraube umringt. Eine besondere Attraktion ist immer wieder unsere Straßenkarte, die wir auf der Lenkertasche befestigt haben. So etwas scheint es in diesen Ländern nicht oft zu geben. In Gädäbä wedelt ein alter Mann mit einem Bündel Geld vor unserer Nase herum und fordert uns auf, ihm in die Teestube zum Essen und Tee zu folgen. Leider haben wir wenig Zeit, es ist schon recht spät und wir haben noch kein Quartier für die Nacht.

    Letzter Tag in AserbaidschanLetzter Tag in Aserbaidschan

    Letzter Tag in Aserbaidschan

    Heftige Gewitter begleiten uns auf dem weiteren Weg. Die Ortschaften wirken ärmlich, keine Spur mehr von blumengesäumten Straßen. Ob es an der Nähe zum gehassten Armenien liegt, oder nur am schlechten Wetter vermögen wir nicht zu sagen. Schön ist es hier nicht.
    Aber auf jeden Regen folgt wieder die Sonne. Die Landschaft wirkt wieder freundlicher. Bis der nächste Regenschauer über uns hereinbricht. Während wir an einer ramponierten Bushaltestelle ein wenig Schutz vor der Nässe suchen, entdeckt Fritz ein großes gepflegtes Haus unterhalb des Flusses hinter uns. Es ist spät, wir sollten nach einem Zeltplatz fragen.
    Nein, zelten können wir nicht, aber die Familie bietet uns ein frisches Bett und eine heiße Dusche, Essen, Tee und Vodka inklusive. Am nächsten Morgen werden wir mit Kuchen und hartgekochten Eiern versorgt von allen verabschiedet.
    Wir wollen nach Armenien. Doch auf direktem Weg geht das nicht. Denn Aserbaidschan und Armenien haben keine offenene Grenzen, so dass wir einen kleinen Schlenker durch Georgien machen müssen, bevor wir nach Armenien einreisen können.
    Wir sind gespannt, was uns dort erwartet.

    Düstere Städte und prächtige KlösterDüstere Städte und prächtige Klöster

    Düstere Städte und prächtige Klöster

    Der erste Eindruck von Armenien ist gruselig. Wir holpern über die Straßen vorbei an armseligen Dörfern und halb verlassenen Kiesgruben, in denen die Geräte vor sich hinrosten. Alaverdi, eine vergessene Industriestadt, tief im Canyon am Ufer des Debed gelegen, scheint niemals die Sonne zu sehen. Reste von Sovjet-Industrieanlagen gammeln neben heruntergekommenen Plattenbauten vor sich hin.
    Ganz anders präsentieren sich die unzählichen Klöster des Landes. Armenien gilt als das Land, das als erstes weltweit das Christentum als Staatsreligion eingeführt hat (Anfang des 4. Jh.). Bis wir uns das malerische Kloster Haghpat allerdings ansehen dürfen, müssen wir uns durch einige Serpentinen, auf denen selbst moderne Reisebusse stöhnen, hinaufquälen. Belohnt werden wir mit einer von Touristen wenig frequentierten Klosteranlage, Bergpanorama inklusive.

    OdzunOdzun

    Odzun

    Die Hauptstraße durch den Debedcanyon nach Süden ist gesperrt, was sich für uns als Glück erweisen soll. Denn sonst wären wir achtlos an Odzun, einem kleinen Ort hoch oben auf der Canyonkante vorbeigeradelt. Hier oben sieht die Welt schon viel freundlicher aus. Die alte Kathedrale in Odzun wird gerade restauriert. Trotzdem herrscht reges Treiben auf dem Vorplatz. Der Priester erlaubt uns hier zu campen und während wir uns unter einem riesigen historischen Grabmal einrichten, tanzt eine lokale Mädchengruppe zu armenischer Musik. Später wird es still um die Kirche, die Steinsägen schweigen und der Platz gehört uns für die Nacht.

    Am Sevan-SeeAm Sevan-See

    Am Sevan-See

    Auf 1900 m liegt der riesige Sevan-Stausee, ein wichtiger Wasser- und Energielieferant in Armenien. Doch die Idylle trügt. Seit dem Zerfall der Sovjetunion und durch die Konflikte mit Aserbaidschan war Armenien von Energielieferungen dieser Länder abgeschnitten, so dass das Wasser des Sees über die Maßen zur Stromerzeugung genutzt wurde. Mit der Folge, dass der Wasserspiegel bedrohlich absank. Hinzu kommt eine gnadelose Überfischung, die das Ökosystem in Gefahr bringt. Mittlerweile hat der Staat Gegenmaßnahmen ergriffen, die hoffentlich diese herrliche Landschaft in ihrer Schönheit erhalten können.
    Wir campen oberhalb des Sees auf freiem Feld. Es ist windig, das Duschen mit kaltem Wasser wird zur Mutprobe. Aber der Wind hat auch sein Gutes. Schnell trocknet er die heutige große Wäsche.

    Unser Camp am Sulema PassUnser Camp am Sulema Pass

    Unser Camp am Sulema Pass

    Einen weiteren Tag fahren wir am Ostufers des Sevan-Sees entlang, vorbei am Hayranavank Kloster und dem riesigen Gräberfeld von Noratus. In Martumi, an der Südpitze des Sees biegen wir nach Süden ab. Die Straße führt uns hinauf bis auf gut 2400 m über den Sulema Pass und damit zum wohl romantischten Schlafplatz dieser Reise. Kurz vor der Passhöhe schlagen wir unser Zelt abseits der Straße hinter großen Felsbrocken auf. Heute heizen wir unser Duschwasser auf dem Kocher ein wenig vor, doch der eisige Wind sorgt dafür, dass wir in Rekordzeit mit der Abendhygiene fertig sind. Ein Gewitter lässt uns schnell im Zelt verschwinden. Dafür werden wir am Morgen mit grandiosem Sonnenaufgang belohnt. Hirten, die ihre Viehherden über die endlosen Weiten zu neuen Weidegründen treiben, bilden die Kulisse. Wer braucht da so etwas wie Frühstücksfernsehen?

    Selim KarawansereiSelim Karawanserei

    Selim Karawanserei

    Kurz hinter der Passhöhe weist ein Schild auf eine Karawanserei unterhalb der Straße hin. Was von außen recht unscheinbar wirkt, versetzt uns in die Welt von 1001 Nacht, sobald wir im Inneren der alten Gemäuer sind. Hier haben die Menschen auf ihrem Weg über die armenische Seidenstraße für eine Nacht Unterschlupf gesucht. Vor unserem geistigen Auge sehen wir bunte Gewänder, dampfenden Tee und Männer, die genüsslich an ihrer Wasserpfeife saugen.
    Der Ausblick über die Berge und die Vorfreude auf eine entspannte Abfahrt bei herrlichem Wetter lässt uns noch unsere Mittagspause hier verbringen, bevor wir das Rad laufen lassen können.

    Kloster NoravankKloster Noravank

    Kloster Noravank

    Selbst als wir die Berge schon lange hinter uns gelassen haben, fällt die Straße weiterhin ab, so dass wir immer noch rollen lassen können. Die Aussicht ist zwar nicht mehr so spektakulär, aber wir schaffen zur Abwechslung viele Kilometer ohne Anstrengung. Schließlich entdecken wir einen der wenigen Campingplätze Armeniens, wo wir für diese Nacht unser Zelt aufschlagen. Christoph, ein Campinggast aus der Schweiz empfiehlt uns den Besuch des Klosters Noravank am Ende eines langen Tals ganz in der Nähe. Die Auffahrt sei bis auf die letzten steilen Meter leicht zu bewältigen, meint er. Offensichtlich ist er nicht so häufig mit dem Rad unterwegs, denn eine neunprozentige Steigung auf rauher Straße ist am Ende eines langen Radtages schon noch eine Herausforderung. Selbst wenn man es ohne großes Gepäck fahren kann. Dennoch genießen wir den Abendausflug, der uns zunächst durch eine enge Schlucht führt, die sich nach und nach in ein V-förmiges Tal öffnet. Oben auf dem Berg schließlich glänzt das Koster vor tiefroten Felsen in der Abendsonne. Es hat sich gelohnt. Zufrieden und müde kehren wir zum Campingplatz zurück.

    Khor VirapKhor Virap

    Khor Virap

    Jeder Armenien-Reisende kennt dieses Bild. Kloster Khor Virap vor dem biblischen Berg Ararat, an dem einst Moses mit seiner Arche gestrandet ist. Obwohl der Berg nicht mehr zu Armenien gehört, ziert er nach wie vor das Staatswappen. Darüber sollen sich einer Anekdote zur Folge einmal die Türken beschwert haben. Der Berg läge auf türkischem Territorium, dürfe daher nicht auf dem Wappen erscheinen. Die Armenen konterten mit dem Argument, dass die Türkei den Mond in ihrer Flagge hätten. Und dieser gehöre ja definitiv nicht zur Türkei.
    Direkt hinter dem Kloster verläuft die mit Zaun und Stacheldraht gesichterte Grenze zur verfeindeten Türkei. Die Beziehungen zum westlichen Nachbarn sind auch wegen des Genozids durch die Türken an den Armenen im vorigen Jahrhundert sehr problematisch.
    Wir ergattern mal wieder einen traumhaften Schlafplatz. Der Bauer erlaubt uns, das Zelt auf der Wiese direkt unterhalb des Klosters aufzuschlagen. Kein noch so feines Hotel kann damit konkurrieren. Nur am Morgen müssen wir uns ein wenig sputen, denn fleißige Hände harken das geschnittene trockene Gras für die Heuernte zusammen. Wir sollten den Platz frei machen.

    JerevanJerevan

    Jerevan

    Obwohl der Lebenstandard in Armenien im Allgemeinen weit unter dem Mitteleuropas liegt, gibt es in der Hauptstadt Jerevan Prachtmeilen mit vielen internationalen teueren Boutiquen. Häufig brausen, nicht nur in den Städten, dicke Luxuxkarossen an uns vorbei, am Steuer junge Burschen, die bei uns wahrscheinlich noch gar nicht fahren dürften. Das Thema Korruption und somit sehr viel Geld bei einigen wenigen ist in diesem Land immer noch präsent.
    Sonntags bieten die einheimischen Maler ihre Kunstwerke in einem kleinen Stadtpark zum Kauf an. Während sie auf Kundschaft warten, essen und trinken sie zusammen. Kurzerhand laden sie uns ein, mit ihnen selbstgebrannten Aprikosenvodka zu trinken und Tomaten mit Käse zu genießen. Eine lustige Runde.
    Abends schauen wir mit Bob, unserem Warmshowers-Gastgeber in der Stadt noch bei seinem Nachbarn, dem Chatschkar-Steinmetz vorbei. In einer winzigen Werkstatt, die kaum größer als eine Garage ist, fertigt er stets nachts kunstvolle Kreuzsteine, wie man sie überall im Land an Kirchen und auf Friedhöfen findet.

    Im Norden des LandesIm Norden des Landes

    Im Norden des Landes

    Wir verlassen Jerevan in nördlicher Richtung, passieren den Aragat auf seiner Ostseite, um dann über Gyumri in den Norden Armeniens Richtung georgischer Grenze zu fahren. Wie schon so oft, bestaunen Kinder unser riesiges Gefährt. Vorsichtig, immer ein wenig Abstand wahrend. Weniger vorsichtig sind die Kinder des Dorfes, in dem wir unser Zelt für die Nacht aufschlagen. Als es dunkel ist, wir uns bereits zum Schlafen gelegt haben, attackieren sie mit Steinen unser Zelt. Einer davon trifft und reisst ein fast faustgroßes Loch in die Außenhülle. Obwohl Fritz gleich die Verfolgung aufnimmt, können wir nicht erkennen, wer es gewesen ist, und so zucken auch die Erwachsenen am nächsten Morgen nur ratlos mit den Schultern.
    Wir sind sauer und böse auf die Armenier. Glauben, dass sie Fremden gegenüber feindselig sind und freuen uns, das Land bald wieder verlassen zu können. Allerdings werden wir gleich am nächsten Tag eines Besseren belehrt. Als wir uns an einem Krankenhaus kurz vor der Grenze nach einem Schlafplatz erkundigen, werden wir vom Nachtwächter eingeladen, im Pförtnerhäuschen eines der kleinen Zimmerchen zu beziehen. Und nicht nur das. Als der überschaubare Tagesbetrieb in der Klinik vorbei ist, schleust uns der gute Rastom in die Personalkantine zum Abendessen und anschließend dürfen wir in der Physioabteilung eine heiße Dusche genießen. Sie sind doch freundlich, die Armenier. Und dumme Jungs, die böse Scherze treiben, gibt es schließlich überall auf der Welt.

    Felsenstadt VardziaFelsenstadt Vardzia

    Felsenstadt Vardzia

    Zurück in Georgien fahren wir zunächst nach Vardzia, einer alten Höhlenstadt in einer 500 m hohen Felswand. Dabei passieren wir diese eigentümliche Brücke über den Fluß, die aus einem alten Eisenbahnwaggon besteht. Der Boden im Inneren ist allerdings schon so weit durchgerostet, dass sie nicht mehr genutzt werden kann.
    Vardzia: Im 12. Jh wurden hier ungefähr 3000 Wohnungen für 50000 Menschen als Festung gegen die Türken und Perser errichtet. Durch Erosionen sind heute nur noch ein Bruchteil von ihnen erhalten, was die Bewunderung für dieses Bauwerk jedoch keinesfalls schmälert. Das Kloster, das Heimat für ca. 500 Mönche war, ist immer noch weitgehend erhalten.
    Obwohl der Weg hinauf nach Vardzia für uns Radfahrer nicht einfach ist, würden wir es uns auch bei erneuten Reisen nach Geogien nicht nehmen lassen, hierher zu kommen. Denn nicht nur die Höhlenstadt, sondern auch die Straße hinauf bieten immer wieder steinerne Zeugen des Lebens vor vielen Jahrhunderten.

    Über den Goderzi Pass zum Schwarzen MeerÜber den Goderzi Pass zum Schwarzen Meer

    Über den Goderzi Pass zum Schwarzen Meer

    Überall in Georgien hängen an Polizeistationen oder anderen öffentlichen Gebäuden auch die Flaggen der Europäischen Union. Das Land fühlt sich Europa gänzlich zugehörig und wäre wahrscheinlich froh in die Union aufgenommen zu werden. Ob dieses Bestreben wohl anhalten würde, wenn die Georgier wüßten, was Umweltschutz und der damit verbundene Aufwand bedeutet? Wir finden einen lauschigen Platz am Fluß, baden uns und unsere Wäsche im vermeintlich sauberen Wasser um dann zu beobachten, wie dieser Zeitgenosse seinen Wagen inklusive Motor sorglos im Fluß wäscht. Als er damit fertig ist, gönnt er sich selbst auch ein Bad, bevor er sich ein wenig abseits von uns im Auto für die Nacht einrichtet. Wir sind ein wenig besorgt, dass er nicht nach Hause fährt. Was tut er hier? Fritz erfährt, dass er auf seinen Bagger aufpassen muss, der hier für die Nacht geparkt ist.
    Um zum Schwarzen Meer zu gelangen, müssen wir über den gut 2000 m hohen Goderzi Pass, was grundsätzlich keine große Sache ist, wenn es denn eine Straße geben würde. Wir strampeln über eine Geröllpiste durch meist bewaldetes Gebiet. Dabei konnten wir am Morgen nicht einmal unsere Essens- und Wasservorräte auffüllen. Gott sei Dank gibt es unterwegs eine bewirtschaftete Hütte mit Schaschlick und frischem Quellwasser.
    Der Pass ist sehr belebt, warum es hier noch keine befestigte Straße gibt, ist uns ein Rätsel.

    Nach BatumiNach Batumi

    Nach Batumi

    Vorbei an schönen historischen Brücken rollen wir schließlich in Richtung Schwarzmeerküste. Wir treffen auf Lars und Alina einem Radlerpaar aus Leipzig, dass auf eineem 7-Monate-Trip in den Osten ist. Schade, dass wir alle weiter müssen, gern hätten wir noch ein wenig mehr mit Gleichgesinnten geplaudert. Der Himmel ist bedeckt, aber es bleibt trocken und so erreichen wir spät nachmittags den mondänen Badeort Batumi. Wie in fast allen Großstädten sind die Einfallstraßen hektisch und laut. Autowerkstätten wechslen sich mit Waschanlagen ab, überall herrscht emsige Betriebsamkeit. Keine Idealbedingungen für Radfahrer. Als wir dann endlich die Strandpromenade erreicht haben, blicken wir auf eine eigenwillige Ferienarchitektur, zwischen der immer noch alte, fast baufällige Wohnblocks des alten Batumi kauern. Es wird wohl nicht lange dauern, bis auch diese verschwunden und durch moderne Glaspaläste ersetzt sind.
    Wir beschränken uns auf eine Tour entlang der überfüllten Promenade, finden schließlich in einem Hostel ein Zimmer und machen uns am nächsten Tag auf die Weiterfahrt.

    SvanetienSvanetien

    Svanetien

    Svanetien gehört gewissermaßen auch zum Pflichtprogramm des Georgien-Reisenden. Eigentlich hatten wir diesen Abschnitt am Anfang unserer Tour abfahren wollen. Aufgrund schlechten Wetters hier oben, haben wir es ans Ende verschoben.
    Bei herrlichem Wetter schrauben wir uns ganz langsam die (von Autofahrern als gut bezeichnete) Betonpiste hinauf. Dabei verhält sich die Schönheit der Landschaft konträr zum Zustand der Straße. Je weiter wir in den malerischen Norden kommen, um so schlechter wird die Fahrbahn. Nicht nur, dass der Belag aufgeraut ist, wir können selbst bei Zwischenabfahrten das Rad nicht rollen lassen, wenn wir nicht im nächsten Schlagloch landen wollen. Die Strecke ist sehr mühsam, weil wir die an den Anstiegen gewonnenen Höhenmeter gleich wieder im nächsten Tal verlieren. Die Straße führt entlang des riesigen Jvari Stausees hinauf in eine alpine Hochebene.
    Kurz vor Mestia, der Stadt mit den berühmten Wehrtürmen deponieren wir unser Gepäck beim örtlichen Lebensmittelladen und radeln die letzten Kilometer ohne schwere Lasten weiter.
    Mestia ist ein wahrer Touristenmagnet. Von hier aus starten viele Jeep-Touren weiter in den Norden bis nach Ushguli über unbefestigte Schotterpiste. Wir sehen uns die vielen beeindruckenden Türme an, müssen dann aber zurück, um noch rechtzeitig unser Lager aufschlagen zu können.

    Zurück nach KutaisiZurück nach Kutaisi

    Zurück nach Kutaisi

    Wie schon auf der Heerestrasse müssen wir auch hier den gleichen Weg zurück nehmen. Die letzten Tage brechen an. Wir haben alle Punkte auf unserer Reiseliste quasi abgehakt, jetzt können wir entspannt zurück zum Flughafen fahren. Trotz der bekannt schlechten Strecke kommen wir erstaunlich gut voran. Plötzlich gerät das Vorderrad außer Kontrolle. Bei Tempo 50 schlingert es ein- zwei Mal und im nächsten Augenblick liegen wir auch schon quer auf der Fahrbahn. Was war passiert? Durch das häufige Abbremsen muss der Schlauch im Vorderrad gewandert sein, so dass schließlich das Ventil ausgerissen ist. Dank der Gepäcktaschen und unserer Helme haben wir nur einige Schürfwunden an Armen und Beinen. Später beklagt Fritz allerdings ein schmerzendes geschwollenes Handgelenk. Das ist gar nicht gut, denn nur er kann das Rad als Captain lenken. Ob er es mit dieser Hand halten kann? Wir diskutieren schon Alternativen zum Radfahren, doch Fritz ist niemand, der aufgibt.
    Wir fahren also weiter. Und zwar mit Polizeischutz. Wie schon auf dem Hinweg bekommen wir auch zurück unvermittelt eine Polizeieskorte. Nicht nur dass der Streifenwagen eine ganze Weile hinter uns her fährt, als wir einen Platten am Hinterrad reparieren, wartet er geduldig am Straßenrand bis wir fertig sind. Auf der Hinfahrt durften wir sogar unser Zelt direkt vor der Polizeiwache im Garten aufschlagen. Cooler Campingplatz.

    Das war'sDas war's

    Das war's

    Die letzte Nacht verbringen wir am Fluß außerhalb von Senaki. Wir genießen das ausgiebige Bad im warmen Wasser. Morgen werden wir noch in Kutaisi eine Rolle Frischhaltefolie für unser Rad kaufen und die Packsäcke am Hostel einsammeln. Dann können wir alles ganz entspannt am Flughafen demontieren und verpacken. Denn der Flug geht erst am folgenden frühen Morgen.

    Eine weitere erlebnisreiche, teilweise recht abenteuerliche Reise geht zu Ende. Obwohl sie weder von der Gesamtstrecke, noch von den Höhenmetern außergewöhnlich war, haben wir sie als ungemein anstrengend empfunden. Die drei Länder, die von uns pauschal als „Kaukasus“ bezeichneten Region könnten unterschiedlicher nicht sein. Während uns die Gastfreundschaft der Aserbaischaner umgeworfen hat, beeindruckt Armenien mit unzähligen Klöstern jeden Besucher. Und auch Georgiens grandiosen Landschaften werden uns in Erinnerung bleiben.
    Überall sind wir wieder herzlichen Menschen begegnet, die alle Vorbehalte gegen „den gefährlichen Osten“ Lügen strafen. Nicht einen Augenblick haben wir uns unsicher gefühlt. Die Polizei war stets um unsere Sicherheit bemüht, Kinder, die es wagten, unserem Rad zu nahe zu kommen oder es gar vorsichtig zu berühren, wurden von Älteren barsch zurückgepfiffen. Dass wir im Zelt, also auf dem Boden schlafen „mussten“ war vielen einfach nur peinlich. Freiwillig tut das hier niemand.

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